Messiah für Alle 2020

4 Stationen eines Projekts

1 –  Messiah für Alle – die Wiederaufnahme

Das interkulturelle Musiktheaterprojekt „Messiah für Alle“ entstand auf der Basis des Oratoriums von Georg Friedrich Händel wurde im März 2019 als Musiktheaterstück „Mein Gott ≠ Dein Gott“ in Frankfurt uraufgeführt.  Infolge des großen öffentlichen Zuspruchs und der Anfrage des Ökumenischen Kirchentags 2021 sollte in 2020 die Wiederaufnahme dieses Projekts stattfinden. Aufgrund der CoronaPandemie war dies in der geplanten Form nicht mehr umsetzbar. So kam es im Frühjahr 2020 zu der Entscheidung, eine Neuentwicklung des „Messiah für Alle“ zu vollziehen mit dem Ziel, einen Transfer zu schaffen zwischen der bisherigen Inszenierung des Oratoriums und der Corona-Krise bzw. weiteren großen „Hindernissen“, denen Menschen im Laufe ihres Lebens begegnen (müssen).

Wie zuvor fanden sich erneut Geflüchtete und Frankfurter*innen verschiedenster religiöser und kultureller Hintergründe in drei Kerngruppen Theater, Chor und Orchester zusammen. Neben den ehemaligen Teilnehmer*innen sind auch neue Mitglieder zu den verschiedenen Gruppen dazu gestoßen.

 2 – Probenstart trotz Corona

Die erste Probenarbeit begann im Juni 2020 wöchentlich in zwei separaten Kleingruppen mit Teilnehmer*innen der Theatergruppe. Neben Übungen zur Gruppenfindung und Theaterarbeit lag der Fokus hierbei auf der Verbindung der ursprünglichen religionsbezogenen Thematik des Projekts mit der neuen Perspektive auf Krisen und Herausforderungen im Leben. Hierbei wurden sowohl Szenen des ursprünglichen Bühnenstücks neu aufgearbeitet wie auch neue Szenen entwickelt.

Parallel zur Theatergruppe starteten Ende Juni 2020 die Proben mit Teilnehmer*innen des Chors. Hierfür wurde ein besonderes Probenkonzept erarbeitet, um einer möglichst großen Gruppe unter Berücksichtigung der allgemeinen Hygieneregeln die Teilnahme zu ermöglichen. Die Proben des Chors fanden mit maximal 15 Sänger*innen live im Innenhof des Dominikanerklosters der Heiliggeistkirche – also im Freien – statt. Über „Zoom“ waren diesen Live-Proben weitere Teilnehmer*innen von Zuhause zugeschaltet. Die virtuellen Teilnehmer*innen wurden mithilfe von zur Verfügung gestellten Stimmtraining-Videos auf die Probe vorbereitet. Unter einem hohen technischen Aufwand konnte so geprobt werden – teilweise getrennt und doch miteinander. Inhalt der gemeinsamen Proben waren die Musikstücke des ursprünglichen Musiktheaterstücks „Mein Gott ≠ Dein Gott“, bestehend aus Originalstücken des Oratoriums sowie selbstkonzipierten Versionen.

Im Juli 2020 begann parallel zu den live Proben von Theater und Chor auch das Orchester seine gemeinsame Arbeit. Diese fand zunächst digital statt, indem die bekannten Musikstücke aus dem vorherigen Projekt gemeinsam geübt und dann alleine von den Musiker*innen eingespielt wurden. Hinzu kamen vereinzelte Live-Proben, um Stücke gemeinsam aufzuarbeiten und neuen Impulsen nachzugehen.

Der Chor startete im September 2020 mit den Live-Aufzeichnungen der eingeübten Musikstücke, da sich sehr klar abzeichnete, dass es aufgrund der Pandemie bis Januar 2021 kein gemeinsames Singen geben wird. Wegen der bevorstehenden kälteren Jahreszeit fanden diese Aufnahmen innerhalb von 4 Wochen unter großem Zeitdruck ebenfalls im Innenhof der Kirche mit noch größerem technischen Aufwand statt.

Begleitend zu den Probenarbeiten der drei Gruppen suchten wir immer wieder nach Aufführungsmöglichkeiten und Konzepten, um das neu entstehende Stück ‚gemeinsam’ auf eine Bühne bringen zu können. Geplant war, das Stück Ende Januar 2021 in mehreren öffentlichen Aufführungen zeigen zu können. Die Planungen hierfür wurden jedoch immer wieder durch neue Einschränkungen vor zusätzliche Herausforderungen gestellt.

Auch die geplanten Aufführungen auf dem Ökumenischen Kirchentag 2021 mussten im Zuge der aktuellen Lage zurückgezogen werden. Nach ausführlichen Gesprächen mit der zuständigen Kontaktperson ergab sich der gemeinsame Konsens, dass die ursprünglich geplante finanzielle Unterstützung des ÖKT zur Durchführung der Aufführungen in 2021 in der momentanen Situation nicht gewährleistet werden kann. Beide Seiten verblieben jedoch mit der Perspektive, dass das Projekt gegebenenfalls über eine digitale oder filmische Variante an den Kirchentag 2021 angeknüpft werden könne.

3 – Messiah TV

Die coronabedingten Einschränkungen ab Mitte Oktober führten uns zu der Idee, anstelle von den geplanten Aufführungen nicht nur den Teilnehmer*innen, sondern auch der Öffentlichkeit ein „Ergebnis“ in Form eines Films zu präsentieren. Um das Projekt nicht einfach nur zu beenden, sollte es also einen Film geben mit dem Arbeitstitel „Messiah TV“ – eine Mischung aus Dokumentation und künstlerischer Umsetzung des vorhandenen Materials.

Messiah TV war gedacht als ein „erfundener“ Sender mit Szenen verschiedener Fernsehformate wie Nachrichten, Film-Trailer, Morgen-Show über Werbung bis hin zu einer Late-Night-Show. Der Rahmen eines ‚Fernsehsenders’ bietet das künstlerische Format für die Umwandlung der Bühnenszenen. Eine öffentliche Präsentation dieses Films wäre in Kirchen und weiteren religiösen Stätten denkbar. Auch sollte über diesen Ansatz eine Verknüpfung mit dem Ökumenischen Kirchentag 2021 möglich gemacht werden.

Im Zuge dieser Entwicklung wurde im November eine Filmproduktion beauftragt und Probenorte, Probentermine und Drehtage geplant. Bereits im Dezember – also vor dem tatsächlichen Probenstart für die Drehtage – zeichnete sich ab, dass der Jahresbeginn von weiteren Einschränkungen geprägt sein würde. Immer mehr Teilnehmer*innen war es nicht mehr zuzumuten, sich „real“ zu Proben und Dreharbeiten zu treffen. Auch ohne die konkreten Maßnahmen für Januar genau zu kennen haben wir entschieden, das Projekt ganz zu beenden.

4 – Ein Projekt, das nicht sein sollte…

Ein Aspekt für die Entscheidung, das Projekt ganz zu beenden – am Ende dieses langen und immer wieder umgewandelten Projektverlaufs – war der Umstand, dass wir an fast keiner Stelle mehr unsere eigentliche Arbeit machen konnten: ein soziales Kulturprojekt mit dem Anspruch, durch die Auseinandersetzung mit Menschen aller Religionen einen kulturpolitischen und zugleich integrativen Beitrag zu leisten bis hin zur Integration von geflüchteten Menschen in unsere Gesellschaft. Die Handschrift unserer Projekte ist in erster Linie prozessorientiertes Miteinander, gelebt über die Interaktion und die gemeinsame Entwicklung eines Stückes.

Der Chor und das gemeinsame Singen war seit September bereits komplett zum Erliegen gekommen, die Theatergruppe hat sich nur noch online getroffen, das Orchester hat einzelne Stimmen über Zoom eingespielt.  Es erübrigt sich, die Unmöglichkeit der Fortsetzung dieser Arbeit weiter zu beschreiben.

Hier waren die Grenzen bereits weit überschritten und die Identifikationsmöglichkeiten wurden für alle Beteiligten in Frage gestellt.

Wir haben entschieden, aus dem Material von bestehenden Handy-Filmen, Tonaufnahmen von Chor und Orchester und eingefangenen Statements zu dem Projekt einen Dokumentationsfilm einer „nie zustande gekommenen Aufführung“ zu machen. Hierfür muss sich niemand mehr in Gruppen treffen, und es ist neben der Dokumentation eine schöne Erinnerung für die Teilnehmer*innen, die mit so großem Engagement allen Widrigkeiten zum Trotz das Jahr miteinander verbracht haben.

Geplant ist, diesen Dokumentationsfilm im April vorzulegen.

Wir danken allen Partnern herzlich für das Verständnis und die Flexibilität, dieses Projekt trotz aller coronabedingten Entwicklungen und Veränderungen nachhaltig zu unterstützen!

Die Chorproben im Innenhof des Dominikanerklosters Frankfurt wurden ermöglicht durch den Regionalverband Frankfurt und Offenbach. Die Proben der Theatergruppe und des Orchesters wurden unterstützt durch die Heddernheimer Höfe in Frankfurt Heddernheim. 

Unser besonderer Dank gilt Stadtkirchenpfarrer Dr. Olaf Lewerenz.

STIFTUNGEN UND PARTNER